25. April

25. April

Hybrid_Disappear Here


– von Mitja Maroša –

Das Projekt: Seit Mitte der 1990er Jahre basteln die Waliser Chris Healings und Mike Truman am perfekten elektronischen Sound. Dabei paaren sie gerne symphonische Komplexität mit der fortschrittlichsten Produktionstechnik, die man zum jeweiligen Zeitpunkt bekommen kann. Erstes Ergebnis dieser Bemühungen waren zunächst unzählige Remixe für namhafte Künstler von Alanis Morisette, Jean Michelle Jarre, Moby, über BT, The Future Sound of London, Carl Cox, Radiohead, R.E.M. bis zu The Crystal Method, The Orb und U2 – um nur einige zu nennen. 1999 veröffentlichten sie schließlich ihr erstes Studioalbum „Wide Angle“ und ließen sowohl Kritiker als auch Fans staunen. Eine so dichte Klanglandschaft aus Streichern, Synthies, Drum-Kaskaden und vor Kraft nur so strotzender Basslines hat man in dieser Qualität bis dahin noch nicht gehört. Vor allem der Track „Finished Symphony“ wurde zum Prototyp des Hybrid Sounds und verhalf der Stilrichtung „NuSkool-Breaks“ endlich zur wohlverdienten öffentlichen Anerkennung. Daran konnte ihr zweites Album „Morning Sci-Fi“ leider nicht ganz anknüpfen, was bisweilen an den zu langen Tracks lag. 2006 beruhigten sie ihre Fans wieder, denn „We Chose Noise“ knüpfte an die hohe Qualität von „Wide Angle“ an und zeigte, dass der Hybrid-Sound noch viel Potenzial bietet.
Das vorliegende Album: Nun schreiben wir das Jahr 2010 und mittlerweile hat man sich an die Mischung aus Breakbeats, symphonischer Begleitung, düsteren Bässen und elektronischer Raffinesse gewöhnt. Jetzt galt es, noch mehr Detailarbeit in das Songwriting zu investieren. Healings und Truman schlossen sich daher 2008 mit Singer/Songwriterin Charlotte James zusammen, die vielen der neuen Tracks den letzten Schliff verpasste. Nötig war das schon, denn Hybrid konnten zwar immer schon bombastische Klanglandschaften aufbauen, doch eingängige Hooklines gelangen ihnen nur selten. Auf ihrem neuesten Album „Disappear Here“ wollten sie zudem ihre Erfahrungen als Live-Act einfließen lassen. Deshalb klingen einige Tracks deutlich geradliniger als etwa auf „Wide Angle“. Trancefans dürfte das besonders gut gefallen. Alle anderen sollten zunächst zwei Stunden Zeit investieren und das Album in Ruhe durchhören.
„Disappear Here“ eröffnet mit „Empire“ – eben einem jener Tracks, die durch eine sehr geradlinige Drumspur an Live-Auftritte von Hybrid erinnern. Dennoch muss hier niemand auf die typisch düsteren Basslines und Streicher verzichten. Letztere spielte diesmal das Prager Symphonieorchester ein. Während „Empire“ durch seinen Trance-Überschuss ziemlich enttäuscht, geht es mit „Can You Hear Me?“ in die Vollen! Charlotte James beweist, dass sie mindestens genauso emotional leiden kann wie Ruth Anne Boyle von Olive. Zudem spielen Hybrid mit dem Hörer, denn der Track beginnt zunächst wie eine Pop-Ballade, nur um sich später in einen erstklassigen NuSkool-Breaks-Kracher zu verwandeln. Gleiches gilt für den Titeltrack des Albums „Disappear Here“. Der Refrain von „Original Sin“ lässt Hybrid wiederum wie Garbage klingen. Mit „Green Shell Suite“ wandeln die Waliser auf New Age-Pfaden und klingen wie eine Synthese aus Jean Michel Jarre und Wangelis im 90s Ambient-Gewand. Das ist zwar OK, aber auf gefühlten tausend Café del Mar-Samplern haben wir sowas schon viel zu oft gehört. Die Höhepunkte der Platte kommen ohnehin erst kurz vor Schluss – „Take a Fall“ (mit Gastsänger Tim Hutton) bietet die komplexteste Drum-Kaskade des Albums und „Break My Soul“ schließt durch die orientalischen Streicherparts an die epische Erzählweise von „Finished Symphony“ von „Wide Angle“ an. Spätestens hier beweisen Hybrid, dass sie sich auch als Filmmusik-Produzenten pudelwohl fühlen. Bewiesen haben sie das erst kürzlich mit dem Score zu „X-Men Origins: Wolverine“. Ähnlich wie auf „Morning Sci-Fi“ schließen Hybrid mit einer Ballade ab. Im Gegensatz zu „Black Out“ erinnert der Charlotte James-Track „Numb“ eher an einen klassischen Popsong als an eine Ambient-Hymne.

Fazit:
„Disappear Here“ entwickelt den Hybrid-Sound weiter, ohne allerdings allzu große Sprünge nach vorne zu machen. Das Album ähnelt am ehesten „Morning Si-Fi“. Charlotte James hat dem Projekt aber gut getan. Außerdem hört man die zwei Jahre Produktionszeit sowie den irren Aufwand aus fast allen Songs heraus, weshalb die Platte außerordentlich gut klingt. Zwar ist „Disappear Here“ nicht der erhoffte musikalische Quantensprung, aber dennoch eine der besten Platten des noch jungen Jahres. „Wide(r) Angle“ bleibt weiter das Maß aller Dinge.

TestFacts: Hybrid – Disappear Here

 

Einzeltrackbewertung

1

Empire

7,5

2

Can You Hear Me?

9,5

3

Green Shell Suite

8

4

Disappear Here

9

5

Every Word

7

6

Formula Of Fear

7,5

7

City Siren (Reprise)

-

8

Salt

7

9

Original Sin

7,5

10

Take A Fall

10

11

Break My Soul

10

12

Numb

8,5

 

Reine Titelwertung:

8,318

 

 

 

Abzüge

keine

 

Boni

Herrlich lange Spielzeit

 

 

 

 

Spielzeit

70:19 Minuten

Label

Distinctive Records

Release

29. März 2010 (MP3), 23. April 2010 (CD)

 

supremeWERTUNG

8,3*

 

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