14. Februar

14. Februar

supremeTest: Massive Attack_Heligoland


– von Mitja Maroša –

Die Band: was gäbe es noch über Massive Attack zu sagen, was nicht schon tausendmal wiedergekäut worden wäre? Ja, sie haben die Entwicklung des Trip-Hop maßgeblich mitgestaltet. Manche halten sie sogar für die alleinigen Erfinder dieser Stilrichtung, doch wer das behauptet, blendet die Einflüsse von Bomb The Bass, Primal Scream, Innosence und Coldcut beflissentlich aus. Was noch? Ach ja – „Mezzanine“ war und ist das Meisterwerk von Massive Attack. Dennoch hat die Band seit den frühen 1990er Jahren ständig an ihrem Sound gebastelt und damit auch noch entschieden die Film- und Kunstszene beeinflusst. Wer erinnert sich nicht an die legendären Videos zu „Teardrop“ – oder schon 1991 „Unfinished Sympathy“. Doch zu Beginn des neuen Millenniums stand die Band kurz vor ihrem Ende, denn eigentlich war nur noch ihr musikalisches Mastermind Robert „3D“ Del Naja geblieben, der 2003 quasi im Alleingang das vierte Studioalbum „100th Window“ produzierte – eine höchst undankbare Aufgabe nach „Mezzanine“.

Das vorliegende Album: Lange blieb es unklar, ob Massive Attack einen fünften Longplayer einspielen würden. Doch mit der 2009er EP „Splitting The Atom“ meldeten sich die Bristoler eindrucksvoll zurück. Der Titeltrack führt den Hörer allerdings in die Irre, denn oberflächlich handelt es sich um einen sehr leisen, minimalistischen Song. Wer sich ihm allerdings offen hingibt, entdeckt Schönheit im Verfall, Kraft in der Einfachheit und sich langsam aufbauende Komplexität. Außerdem entdeckt er auch Grantley „Daddy G.“ Marshall, der mit seiner unverkennbaren belegt-tiefen Stimme dem Track eine schaurig-schöne Gothic-Note verleiht. Um alle anderen Stimmen kümmert sich Dauergaststar Horace Andy. Doch das ist nur ein bemerkenswerter Teaser fürs endgültige neue Album – das „Helogoland“ – altdeutsch für Helgoland, „Heiliges Land“ heißt. Und im Stile des Teasers geht es auf dieser Platte weiter – „Flat Of The Blade“ ist zum Beispiel ein irre sperriger Track, der vom Hörer viel Kraft verlangt, um nicht schon frühzeitig auf den Next-Knopf zu drücken. Völlig dissonantes Elektronik-Geblubber leitet den Song ein – dazu „erzählt“ Gaststar Guy Garvey eine düstere Geschichte und begleitet sich mit sehr schrägem Gesang auch gleich selbst. Doch in der Mitte ändert sich der Trackcharakter und orchestrale Elemente ergänzen die elektronische Basis, so dass der Song – vor allem durch die Bläsersektion – fast schon wie eine Björk-Komposition klingt.

Wer „Teardrop“ mochte wird auch „Paradise Circus“ lieben – hier wie da muss sich der Hörer zunächst an den Gesang gewöhnen, und – typisch für Massive Attack – erst gegen Ende entwickelt der Track seine volle Kraft. So traurig und gleichzeitig wunderschön klangen Streicher und Piano schon lange nicht mehr. Wohl um nicht ständig als Trip-Hop-Band abgestempelt zu werden, haben Massive Attack auf Heligoland auch einige schnellere Tracks platziert. „Babel“ wandelt auf den Spuren von Roni Size und integriert erstmals in der Bandgeschichte Drum’N’Bass in einen Track. Trickys Ex-Muse Martina Topley-Bird säuselt dazu wie eine kranke Katze. OK, doch andere können das durchaus Besser. Gelungener ist da schon „Rush Minute“, wo 3D bei mittlerer Geschwindigkeit ein bombastisches Soundgebirge im klassischen Massive Attack-Stil aufschichtet.

Fazit: Eine tolle Platte, die sich nur knapp unter „Mezzanine“-Niveau bewegt. Ganz an die Qualität des 98er-Meisterwerks reicht sie aber nicht, weil nichts wirklich neu erfunden wird. Wahrscheinlich ist da aber auch gar nicht mehr möglich. Egal – wir verleihen Massive Attack allein schon aufgrund der Tatsache, dass sie sich dem allgegenwärtigen 80’s-Hype verweigern ein dickes Extralob! Die Band ist gerettet und das erste musikalische 2010er-Highlight erstrahlt gleißend am Firmament.


TestFacts: Massive Attack – Heligoland

 

Einzeltrackbewertung

1

Pray For Rain (feat. Tunde Adebimpe)

8,5

2

Babel (feat. Martina Topley-Bird)

7,5

3

Splitting The Atom (feat. Daddy G. & Horace Andy)

10

4

Girl I Love You (feat. Horace Andy)

8

5

Psyche (feat. Martina Topley-Bird)

7

6

Flat Of The Blade (feat. Guy Garvey)

8,5

7

Paradise Circus (feat. Hope Sandoval)

9

8

Rush Minute

8

9

Saturday Come Slow (feat. Damon Albarn)

8,5

10

Atlas Air (feat. 3D)

8

 

Reine Titelwertung:

8,3

 

 

 

Abzüge

Keine

 -

Boni

auch als separate Deluxe-Version mit vier Remixen erhältlich

 -

 

 

 

Spielzeit

52:11 Minuten

Label

Virgin UK / EMI

Release

5. Februar 2010

 

supremeWERTUNG

8,3

 

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