17. Januar

17. Januar

Simian Mobile Disco_Temporary Pleasure

– von Mitja Maroša – 

Die Band: Sind Simian Mobile Disco eigentlich eine Band? Aber sicher, denn das Duo entstammt der Indie-Rockband Simian. Als Quartett spielten sie die Alben „Chemistry is what we are“ und „We are your friends“ ein, bevor sich James Ellis Ford und Anthony Shaw während einer US-Tour von ihren Kollegen absetzten und fortan als Simian Mobile Disco weiterarbeiteten. Mit dem Bandnamen änderten sie auch gleich die Musik. Wie der Name schon andeutet, spielen Discosounds aller Couleur die Hauptrolle bei SMD – allerdings nicht deren housetypische cheesy-sleezy-fag-Variante sondern eher Electro-, Acid-, Old- und Newskool-Breaks sowie gaaanz viel 80er-Proto-Techno integrierender Power-Shit! Seit einigen Jahren ist dieser Sound weithin als NuRave bekannt – in Anlehnung an die Clubsounds der späten 80er und frühen 90er-Jahre auf der Insel. Meistens kommen die Tracks fett daher und treten die Tür zum Bewegungsapparat der Konsumenten ein. Und genau das taten Simian Mobile Disco auch mit ihrem Debüt „Attac Decay Sustain Release“. Dennoch produziert Ford auch weiterhin Indietronic-Acts wie die Arctic Monkeys, Klaxons, Mystery Jets, Larrkin Love, The Last Shadow Puppets und Florence and the Machine. Hatte diese Doppelstrategie das zweite SMD-Album irgendwie beeinflusst?
Das vorliegende Album: Verglichen mit dem Erstling bekommen wir etwas weniger Power, dafür aber mehr Gaststars geboten. Von Gossips Beth Ditto, über Gruff Rhys bis zu Hot Chips Alexis Taylor sind sehr illustre Gäste der britischen Musikszene dabei. Und das wirkt sich stellenweise auch auf die Trackstruktur sowie die Produktionsweise aus. Während die erste Single „Audacity of Huge“ noch ein typischer SMD-Track mit treibendem 4/4-Beat ist, nehmen Ford und Shaw bei „Cruel Intensions“ viel Tempo heraus und lassen Beth Ditto einen lupenreinen, an Inner City erinnernden Pop-House-Track singen. Nett ist auch der Opener „Cream Dream“, der allerdings manchem Hörer zu Gay klingen könnte. Mit einer Vokalistin wäre das ein wahrlich himmlischer Song geworden! Dafür macht „Turn Up The Dial“ richtig Freude und erinnert an seelige Mitt-Achziger-Zeiten und den dazu passenden Oldskool NYC-Hip Hop – mit zeitgemäßer Produktionstechnik, versteht sich. Doch auch erfahrene Techno-Jünger kommen auf Temporary Pleasure auf ihre Kosten – „10.000 Horses Can’t Be Wrong“, „Ambulance“ und „Synthesise“ gehen ziemlich kompromisslos nach vorne, behindern jedoch den Hörfluss zu Hause. Denn sie schleichen sich einfach nicht so geschmeidig in die Gehörgänge und auch der Kopfnuss-Charakter eines „Tits and Acid“ fehlt völlig. Wer das möchte, sollte unbedingt die limitierte Sonderedition von Amazon kaufen. Dort gibt es viel Bonus-Tracks, von denen zwei den typischen Faust-in-die-Fresse-Style des Debütalbums haben.
Fazit: Schade – so fett wie das Debüt ist „Temporary Pleasure“ nicht. Doch mit „Cruel Intensions“, „Audacity of Huge“ und „Turn The Dial“ sind einige herausragende Songs dabei. Auch die übrigen Tracks sind OK, wenn auch nicht überdurchschnittlich. Nur „Bad Blood“ mit Alexis Taylor fällt durch die irgendwie schleimig-klebrigen Synthie-Sounds und Taylors seltsam unentschlossenen Gesang ab. Dennoch: SMD bieten immer noch blubbernde, zischende und quiekende Frickelsounds aus dem 8-Bit-Computer, treibende Beats und tiefe Bässe – bei tendenziell abnehmender Härte. Deshalb: erst reinhören, dann vielleicht kaufen. Nächstes Mahl aber bitte wieder mehr Kick-Ass-Tracks – danke!

 

TestFacts: Simian Mobile Disco – Temporary Pleasure
 
Einzeltrackbewertung
1
Cream Dream
8
2
Audacity Of Huge
7,5
3
10.000 Horses Can’t Be Wrong
8
4
Cruel Intensions
9,5
5
Off The Map (feat. Jamie Lidell)
6
6
Synthesise
6,5
7
Bad Blood
5
8
Turn Up The Dial
9
9
Ambulance
6
10
Pinball
7,5
 
Reine Titelwertung:
7,3
 
 
 
Abzüge
Spielzeit unter 45 Minuten
-0,5
Boni
Auch als Deluxe-Version mit vier Bonus-Tracks erhältlich
+0,5
 
 
 
Spielzeit
41:47 Minuten
Label
Wichita / Cooperative / Universal
Release
14. August 2009
 
supremeWERTUNG
7,3*

 

 

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